Familienchronik
Das Familienporträt über dem Klavier
Ein Essay darüber, wie ich mit Hilfe tiefgehender KI-Recherche die 170 Jahre alten Wurzeln meiner Familie fand
Meine genealogische Ermittlung begann lange bevor mir klar wurde, dass ich Genealogie betreibe.
Meine Großmutter hieß Anna Jewgenjewna Sladkowskaja, geborene Vestner.
Sie fiel vollkommen aus der Reihe meiner Verwandten und der gewöhnlichen Bewohner des schönen, von mir geliebten Taganrog heraus. Schon äußerlich hatte sie etwas aus einer anderen Zeit. Sie erinnerte an eine Schauspielerin des vorrevolutionären Kinos oder an eine Frau von einem Porträt des frühen 20. Jahrhunderts: stattlich, von edler Haltung, hellhaarig, mit einem sehr ungewöhnlichen Gesicht, das mir nie ganz russisch erschien. Selbst ihre Sprache war ein wenig eigen — mit einer kaum wahrnehmbaren Intonation, die manchmal wie ein nichtrussischer Akzent klang, dem südrussischen Dialekt ganz unähnlich.
Ich kannte sie, solange ich mich selbst erinnere. Meine Eltern lernten sich in Taganrog kennen und heirateten dort, bald kam ich zur Welt, und so wurde Taganrog von Anfang an zu einer der wichtigsten Städte meines Lebens.
Großmutter Anja war Pianistin und eine bekannte Gestalt im kulturellen Leben ihrer Stadt. Gerade sie brachte mir bei, Musik zu hören, führte mich in Konzerte und Museen. Selbst wenn wir uns in meiner Stadt trafen — in Petersburg —, ging sie mit mir in die Eremitage und zeigte mir Malerei und Skulptur, als setze sie ein Gespräch fort, das viele Jahre zuvor in Taganrog begonnen hatte.
Unsere Gespräche waren überhaupt selten alltäglich. Wir sprachen über Kunst, Ehre, Gewissen, über die menschliche Persönlichkeit, über die Liebe. Für ein Kind und später einen Jugendlichen war das ein ziemlich ungewöhnlicher Umgang mit der Großmutter.
In ihrer Nähe empfand ich nie jene schlichte häusliche Freiheit, die ich etwa bei meiner Großmutter mütterlicherseits hatte. Eher fühlte ich mich neben einer Klassendame aus einem alten Gymnasium. Sie gab dem Gespräch eine bestimmte Höhe und setzte gleichsam voraus, dass der Gesprächspartner sich zu ihr hinaufstrecken müsse. Sie ließ mich Chopin und Schubert hören, Bücher lesen und streng nach Zeitplan zu Mittag essen.
Sie war überhaupt ein Mensch, den man nicht leicht ganz erfassen konnte. In ihr verbanden sich Schönheit, kulturelle Feinheit, Anspruch, eine gewisse innere Distanz — und dabei die Fähigkeit, andere Menschen sehr tief zu prägen.
Heute, im Rückblick, verstehe ich, dass ihre Rolle in unserer Familie weit größer war, als es mir damals schien. Sie gehörte zu jenen Menschen, durch die Kultur weitergegeben wird — nicht als Summe von Kenntnissen oder guten Manieren, sondern als Vorstellung davon, dass Musik, Malerei, Geschichte, Liebe und die menschliche Persönlichkeit überhaupt ernste, des Nachdenkens würdige Dinge sind.
Im Jahr 2026 jährt sich zum zehnten Mal der Tag, an dem sie uns verließ. Deshalb ist es am richtigsten, diese Erzählung eben Anna Jewgenjewna Sladkowskaja, geborene Vestner, zu widmen.
Kapitel I
Das Haus in Taganrog
Der magische Nimbus um Großmutter Anja entstand nicht durch sie allein. Eine große Rolle spielte das Haus, in dem sie lebte.
Für mich war es immer genau ihr Haus, obwohl es in Wahrheit noch ihren Eltern gehörte — Jewgeni Wladimirowitsch Vestner und Dora Walentinowna Vestner. Ich habe beide noch als ganz kleines Kind erlebt. Aus jener Zeit sind nur einzelne Erinnerungsblitze geblieben. Ich erinnere mich sogar an die Stimme meines Urgroßvaters — des Großvaters Shenja, den in der Familie aus irgendeinem Grund alle einfach „Großvater Vestner“ nannten.
Das Haus selbst stand tief auf einem schönen Grundstück im historischen Zentrum von Taganrog und war in zwei selbständige Hälften geteilt. Rings um das Haus lag ein alter Obstgarten. Dort wuchsen Birnen, Pflaumen, Himbeeren, Wein. Der Garten war ein wenig verwildert. Vermutlich erschien er einem Kind gerade deshalb so interessant.
Im Hof stand ein Schuppen mit der Werkstatt von Großvater Vestner, mit einem tiefen Keller, der unter das Haus reichte, und einer Garage.
Der Großvater machte dort ständig etwas, reparierte, bastelte. Nach seinem Tod lebte die Werkstatt noch viele Jahre weiter: dort arbeitete mein Großvater Mischa und später seine Söhne.
Im Haus selbst, im Hof und im Schuppen war die Vergangenheit überall.
Ich erinnere mich an einen riesigen ausziehbaren Eichentisch. An ein gotisches Büfett. An eine alte Uhr — ebenfalls ganz und gar gotisch, düster und wunderschön, mit prächtigem Schlagwerk. An Figürchen, alte Bücher und sogar Spielzeug. Manchmal holte die Großmutter vorrevolutionäre Ausgaben hervor, etwa Bücher über die Erschaffung der Welt, gedruckt in einer solchen Schrift und in einer solchen Sprache, dass ein Kind darin kaum etwas entziffern konnte.
Und natürlich die Fotografien.
Sie hingen an den Wänden, lagen in Alben, tauchten aus Schränken und Schubladen auf. Die Großmutter zeigte mir Menschen, die längst nicht mehr lebten, und erzählte, wer mit wem verwandt war.
Der rätselhafteste unter den Vorfahren blieb Wladimir Juljewitsch Vestner. Sein riesiges Porträt, etwa einen Meter hoch, hing immer über dem Klavier.
Darauf war ein sehr schöner und sehr trauriger Mann zu sehen. Heute würde ich ihn aus irgendeinem Grund mit Doktor Watson aus der Welt Conan Doyles vergleichen: dreiteiliger Anzug, hoher Stehkragen, Krawatte, eine massive Kette der Westentaschenuhr — und erstaunlich traurige Augen.
Über ihn gab es eine geheimnisvolle Familienlegende.
Ich wusste, dass die Vestners Deutsche waren. Später hörte ich vom Vater die Präzisierung: vermutlich österreichische Untertanen. Wladimirs Vater hieß Juli — oder, wie dieser Name in meiner Kinderfantasie klang, Julius Vestner.
Diese Verbindung gefiel mir aus irgendeinem Grund ungemein. Ich wusste bereits, wer Julius Cäsar war, und der Name Julius erschien mir wie ein Name aus einer großen, alten und wunderbaren Welt.
Wladimir selbst kam noch vor der Revolution tragisch ums Leben, als sein Sohn, mein Urgroßvater Jewgeni, noch kein Jahr alt war.
Der Familienüberlieferung nach erschoss ihn ein betrunkener Kosakenoffizier. Wo genau das geschah — in einem Restaurant, einem Hotel oder einem anderen Lokal —, darin gingen die Erzählungen mit der Zeit ein wenig auseinander. Die Offiziere sollen einen Skandal angezettelt und angefangen haben zu schießen, fast ohne zu zielen. Eine der Kugeln beendete Wladimirs Leben.
Damals konnte ich natürlich nicht wissen, dass ich viele Jahre später eine Zeitungsbeschreibung seines Todes finden würde — fast in denselben Einzelheiten, in denen die Großmutter diese Geschichte erzählt hatte.
Die Großmutter zeigte mir eine alte Fotografie, nach der ein Künstler einst jenes riesige Porträt angefertigt hatte. In der Familie erzählte man, der Künstler habe bei Verwandten zu Gast geweilt und es beinahe in einer einzigen Nacht mit dem Bleistift gezeichnet, mit solcher Genauigkeit, dass die Zeichnung von weitem kaum von einer vergrößerten Fotografie zu unterscheiden war.
Ich war noch ganz klein, als ich diese Geschichte zum ersten Mal hörte und Wladimirs Gesicht betrachtete. Sein Gesicht prägte sich meinen Kindheitserinnerungen sehr fest ein, und bis heute grüße ich, wenn ich in dieses Haus komme, den Großvater Wladimir auf diesem Porträt.
Wahrscheinlich wurde dieser Mensch, der viele Jahrzehnte vor meiner Geburt gestorben war, gerade damals zum ersten Mal ein Teil meiner eigenen Biografie. Ich wusste nichts von Kirchenbüchern, nichts von Adressbüchern, nichts von den Archiven des Russischen oder des Österreichischen Kaiserreichs.
Ich hatte nur das Porträt, ein paar alte Dinge und die Erzählung der Großmutter. Doch wie sich zeigte, ist das schon nicht wenig.
Kapitel II
Das Ding vom Porträt
Das Haus der Großmutter Anja blieb für mich für immer zugleich häuslich, märchenhaft und museal. Die Schlaguhr, das Büfett-Notre-Dame, die Familienporträts. Der österreichische Großvater Julius erschien mir als Drosselmeier. Mein Vater — Dirigent, der Großvater — Klarinettist, die Großmutter — Pianistin. Alte Reliquien, Musikinstrumente.
Das Erstaunlichste war, dass für die, die dort lebten, natürlich kein Museum existierte.
Es war das gewöhnliche Leben des ausgehenden 20. Jahrhunderts. Die Kinder hatten Skateboards und Spielkonsolen, im Haus standen Tonband- und Videorekorder, man sprach über völlig moderne Dinge — und daneben öffneten die Menschen jeden Tag das alte Büfett, aßen mit uralten silbernen Gabeln und Messern, saßen an einem riesigen Eichentisch, nahmen vorrevolutionäre Bücher aus den Regalen und benutzten Dinge, die etwa hundert Jahre alt waren.
Was heute unweigerlich unter Glas läge oder zur Familienreliquie erklärt würde, blieb damals einfach Möbel, Uhr, Buch — Gegenstände des Hausgebrauchs.
Und wahrscheinlich war die Vergangenheit gerade deshalb so stark zu spüren.
Sie wurde nicht ausgestellt.
Man lebte einfach in ihr.
Mit zehn, zwölf Jahren hatte sich bei mir ein kleiner Bestand an Wissen über die Vestners angesammelt.
Irgendwo war Österreich.
Irgendwann waren von dort die Vorfahren gekommen.
Da war der rätselhafte Julius — ein bekannter und, dem Familiengedächtnis nach, recht wohlhabender Meister aus Nowotscherkassk.
Da war sein Sohn Wladimir, unter tragischen Umständen ums Leben gekommen.
Da war sein riesiges Porträt über dem Klavier. Und Großvater Shenja, viel älter als sein Vater auf dem Porträt, blickte streng von seinem Bild herab, mit eckigem Kinn und schmaler Habichtsnase, die sich auf meinen Vater vererbt hat.
Wann genau kamen die Vorfahren nach Russland? Woher? Unter Katharina der Großen? Im 19. Jahrhundert?
Niemand wusste es.
Ich begann diese Geschichte sogar mit einer gewissen Ironie zu betrachten. Familienlegenden sind ja gerade darin bequem, dass man sie nicht überprüfen kann.
Wie sich später herausstellte, irrte ich mich gewaltig.
Es vergingen etwa zwanzig Jahre.
Ich war Anfang dreißig, als mir der Vater eines Tages eine goldene Taschenuhr an einer Kette zum Geburtstag mitbrachte.
Mein Vater sammelt seit Langem Uhren und hat mir über die Jahre wunderbare Exemplare der bekanntesten Marken geschenkt. An sich war ein solches Geschenk also nichts Ungewöhnliches.
Doch diese Uhr war anders.
Eine goldene Longines an einer massiven Kette.
— Das ist die Uhr von Großvater Wladimir. Von eben jenem.
Meines Vorfahren vom Porträt über dem Klavier.
In diesem Augenblick hörte die Familienlegende zum ersten Mal auf, bloß eine Erzählung zu sein.
Ich hielt einen Gegenstand in Händen, den ein Mensch getragen hatte, der noch vor der Revolution ums Leben gekommen war.
Ich brachte die Uhr zu einem Uhrmacher. Er öffnete das Gehäuse, zeigte mir, wie man sie aufzieht und die Zeit einstellt, prüfte das Werk und sagte, sie sei in erstaunlich gutem Zustand.
Auf Gehäuse und Werk haben sich Nummern, Punzen und Inschriften erhalten, darunter der Hinweis auf die Pariser Ausstellung von 1900 und den Grand Prix, auf den die Firma Longines stolz war.
Ich zog das Werk auf und hörte, wie die Uhr nach mehr als hundert Jahren weiterging.
Doch auch damals begann noch keine Ermittlung. Ich wusste einfach, dass ich nun ein Ding vom Porträt besaß.
Und wieder vergingen einige Jahre.
Kapitel III
Die Suche
Ich bekam eigene Kinder. Die Tochter wuchs heran und begann zu studieren. Der Sohn kam in die zweite Klasse.
Ich kehrte weiterhin fast jedes Jahr nach Taganrog zurück.
Und im Sommer 2026 war ich wieder einmal beruflich in Budapest und fuhr von dort für zwei Tage nach Wien.
Sowohl Wien als auch Budapest machten einen gewaltigen Eindruck auf mich.
Wahrscheinlich tauchte gerade dort nach vielen Jahren der alte Familiensatz wieder auf:
„Die Vestners kamen aus Österreich.“
Einst stand für mich hinter dem Wort „Österreich“ fast nichts. Es war ein ebenso mythologischer Ort wie „vor der Revolution“ oder „unter dem Zarenregime“.
Nun aber ging ich durch das wirkliche Wien und dachte plötzlich, dass die Menschen aus meiner Familienlegende einst in dieser Welt gelebt haben könnten.
Zu jener Zeit benutzte ich in meiner eigenen Arbeit bereits ständig neue Werkzeuge — künstliche Intelligenz, die Analyse großer Datenmengen, die Tiefensuche.
Und mir kam ein einfacher Gedanke.
Warum es nicht versuchen?
An Ausgangsdaten gab es nicht viel.
Vestner. Julius. Wladimir Juljewitsch. Nowotscherkassk.
Ich begann zu suchen.
Und fast sofort tauchten zwei alte Postkarten auf. Auf ihnen war ein Name zu lesen:
Jekaterina Juljewna Vestner.
Und eine Adresse:
Nowotscherkassk. Moskauer Straße, Haus 3.
Juljewna. Vestner. Nowotscherkassk.
Vor mir lag das erste Dokument, in dem gleich mehrere Einzelheiten der Familienerzählung zusammenkamen.
Die Straße existierte.
Das Haus existierte.
Dann fand sich eine Erwähnung Jekaterina Vestners in den Unterlagen des Nowotscherkassker Mädchengymnasiums vom Anfang des 20. Jahrhunderts.
Sie hatten eine Adresse.
Sie hatten eine Schule.
Sie hatten eine wirkliche Stadt, durch die sie gegangen waren.
Und da begriff ich, dass ich nicht mehr würde aufhören können.
Kapitel IV
Die Familie tritt aus dem Nebel
Nie hätte ich gedacht, dass mich genealogische Forschung derart fesseln könnte.
Wahrscheinlich lag es nicht einmal an der Genealogie.
Mir gefiel der Kriminalfall.
Ich fühlte mich als etwas zwischen Forscher, Kriminalist und Privatdetektiv.
Eine Tatsache hakte sich in die nächste.
Eine der ersten großen Entdeckungen war Alexander Juljewitsch Vestner.
Er wurde 1886 geboren — genau hundert Jahre vor mir — und war Wladimirs Bruder.
Seinen Namen fand ich in Materialien zur Weißen Bewegung. Nach der Revolution geriet Alexander in die Emigration und ging dann in die Vereinigten Staaten, nach New Jersey.
In Amerika setzte sich seine Familie fort.
Nach einigen Klicks im Internet betrachtete ich plötzlich die Seiten von Menschen, die Nachkommen eines unter Alexander III. geborenen Mannes waren.
Ich fand den amerikanischen Zweig, fand einen Verwandten, der den Vietnamkrieg mitgemacht hatte, fand dessen Sohn Alex Vestner — einen bekannten amerikanischen Fotografen.
Am meisten beschäftigte mich aber etwas anderes: die Familie des Julius selbst zu verstehen.
Und da tauchte der Familienname immer wieder auf.
Grigori Juljewitsch Vestner — Erster Weltkrieg, Lazarett, 1915.
Alexander Nikolajewitsch Vestner, aus Nowotscherkassk an die Front eingezogen und 1942 mit der Medaille „Für Verdienste im Kampf“ ausgezeichnet. Auf einer der Postkarten trat ein „Onkel Kolja“ für „Tante Katja“ auf, was auf eine mögliche Verbindung zu Nikolai Juljewitsch Vestner hindeutete.
Weitere Vestners aus Nowotscherkassk und seiner Umgebung.
Jekaterina Juljewna aber blieb vorerst fast ein Phantom. Ich kannte ihren Namen, sah die Adresse, sah die Spur im Gymnasium — und dann verschwand sie. Frauen sind in der Genealogie überhaupt besonders schwer zu finden: nach der Heirat ändert sich der Name, und der Mensch löst sich gleichsam im Archiv auf.
Doch die wichtigste Entdeckung geschah bald darauf.
Kapitel V
Der Mord an Wladimir
Es fanden sich zwei Zeitungsveröffentlichungen vom März 1911. Sie berichteten von einem Vorfall im Nowotscherkassker Hotel „Bolschaja Moskowskaja“.
Drei zechende Kosakenoffiziere veranstalteten einen Tumult. Es kam zu Schüssen. Getötet wurde ein junger Kaufmann namens Vestner.
Ich las die Notiz mehrmals.
Es war die Geschichte, die ich als Kind von Großmutter Anja gehört hatte.
Betrunkene Offiziere.
Ein Skandal.
Schüsse.
Der junge Vestner.
Das vorrevolutionäre Nowotscherkassk.
In gut hundert Jahren hatte sich die Familienerzählung praktisch nicht verändert.
Die Zeitung fügte Einzelheiten hinzu.
Der junge Vestner befand sich in jenem Augenblick unten, wo Billard gespielt wurde.
Das Billard erschien mir zunächst nur als lebendiges Detail einer Zeitungsreportage.
Später stellte sich heraus, dass auch es hier nicht zufällig auftauchte.
Hier lohnt es sich, sich das damalige Nowotscherkassk ein wenig vorzustellen.
Es war die Hauptstadt des Donkosakengebiets — eine Stadt der Offiziere, Beamten, Kaufleute und des wohlhabenden Kosakentums, mit dem Atamanenpalast, der Kathedrale, Hotels, Restaurants und Billardsälen. Für einen guten Handwerker, der mit Kutschen, Metall und teuren Gegenständen arbeitete, war die Stadt ein durchaus passender Markt.
Die Moskauer Straße war eine der zentralen.
Das heißt: Die Vestners saßen nicht irgendwo am Rand einer beliebigen Stadt. Sie lebten und arbeiteten buchstäblich inmitten jenes Milieus, das ihre Kundschaft sein konnte.
Ich nahm Kontakt zu Anastassija auf, einer Stadtführerin und Erforscherin der Geschichte Nowotscherkassks. Ich erzählte ihr die ganze Geschichte.
Sie teilte mir noch eine wichtige Einzelheit mit: Das Hotel „Bolschaja Moskowskaja“ lag in der Moskauer Straße 1 (das Haus der Vestners aber in der Moskauer Straße 3).
Und gerade von ihr erfuhr ich zum ersten Mal, womit sich die Familie beschäftigte.
Dort befanden sich die Schlosser- und Kutschenwerkstätten der Vestners. (Artikel von Anastassija Tretjakowa https://rusdeutsch.ru/Nachrichten/16511?ysclid=mtejbciqq428244355)
Mehr noch: Das Haus ist erhalten geblieben.
Heute befindet sich darin ein Café. Bei der Renovierung öffnete man dort eine alte Wand und fand Gegenstände, die von den früheren Besitzern und den Werkstätten übrig geblieben waren.
Anastassija gab mir den Kontakt der Leute aus dem Café.
Ich schrieb ihnen.
Und bald schickte man mir Fotografien der Gegenstände, die aus der Wand jenes Hauses geholt worden waren, in dem vor mehr als hundert Jahren meine Vorfahren lebten und arbeiteten.
Hier bekam die Geschichte einen fast wörtlichen Sinn.
In meiner Kindheit hing Wladimirs Porträt an der Wand eines Familienhauses.
Vierzig Jahre später öffnete man eine andere Wand, schon in Nowotscherkassk — und sie selbst begann, Spuren des früheren Lebens der Vestners herauszugeben.
In anderen Dokumenten fand sich auch ein Name:
Vestner Juli Samoilow.
Bis dahin war Julius gleichsam aus der Luft aufgetaucht.
Nun hatte er zum ersten Mal einen Vater.
Kapitel VI
In der Wand
Unter den Dingen aus der alten Wand waren Nägel, Flaschenscherben, Stücke von Packstoff und ein Postanhänger mit dem Stempel Nowotscherkassk von 1906.
Und ein großes Stück Sackleinen mit einer Aufschrift in schöner alter Handschrift:
„Wertsendung zum zehnten Jubiläum an Herrn J. Vestner von W. Hartmann aus Łódź. Nowotscherkassk, Moskauer Straße.“
Wir zerbrachen uns ziemlich lange den Kopf über diesen Satz.
Wenn die Gegenstände tatsächlich zu einer Sendung oder zu einem Zeitraum gehören, könnte sie etwa 1906 abgeschickt worden sein.
Aber was für ein „zehntes Jubiläum“?
Damals hatte ich keine Antwort.
Wichtiger war vorerst etwas anderes: Ein Mann namens Hartmann schickte aus Łódź eine Wertsendung an Julius Vestner nach Nowotscherkassk.
Julius hatte Verbindungen über Hunderte von Kilometern hinweg.
Und dann kam noch eine beinahe mystische Episode.
Auf einer der im Internet gefundenen alten Postkarten an Jekaterina Vestner war viele Jahrzehnte später über den alten Text mit Kugelschreiber etwas hinzugefügt worden (weiter oben habe ich das Foto dieser Karte eingefügt).
Ich kannte diese Handschrift.
Bei mir haben sich zahlreiche Fotografien von Zeichnungen und Postkarten meines Urgroßvaters Jewgeni Vestner erhalten.
Dieselbe Hand.
Dieselbe Schreibweise.
Es zeigte sich also, dass die Postkarte, die ich hundert Jahre später digitalisiert im Internet fand, einst in den Händen eines Menschen gewesen war, dessen Stimme ich selbst noch im Ohr hatte.
Gerade solche Momente machten den größten Reiz der Ermittlung aus.
Zuerst bekommen die Menschen Namen.
Dann Adressen.
Dann Dokumente.
Dann ein Haus.
Dann Werkstätten.
Und dann plötzlich — eine vertraute Handschrift.
Odessa
Nun hatte ich den Namen von Julius’ Vater: Samuil.
Und ich begann, nach anderen Vestners im Russischen Reich zu suchen.
Die Suche führte nach Odessa.
Praktisch im Zentrum der Stadt gab es die Werkstatt von A. S. Vestner.
In der vorrevolutionären Presse fanden sich ihre Werbeanzeigen.
Der Besitzer hieß Alexander Vestner.
Er war österreichischer Untertan.
Und die mittlere Initiale — S.
Eine einzelne Initiale beweist natürlich für sich genommen nichts.
Aber ich hatte bereits einen Juli Samuilowitsch.
Weiter wurde es noch interessanter.
Die Odessaer Werkstatt Alexander Vestners befasste sich mit Billardtischen.
In einer anderen Anzeige warb sie für technische Ausrüstung und vertrat einen österreichischen Hersteller.
Es ging also um ein ernstzunehmendes handwerklich-technisches Unternehmen.
Und was wussten wir über die Vestners in Nowotscherkassk?
Das Schlosserhandwerk.
Die Drechslerei.
Der Kutschenbau.
Und — das Billard.
Damals erzählte ich davon Onkel Shenja, dem Enkel des Großvaters Vestner.
Er erinnerte sich, dass in der Familie große Becher aufbewahrt wurden, gefertigt aus einem Material, das man für Abfall der Elfenbeinbearbeitung bei der Herstellung von Billardkugeln hielt.
Für die Billardproduktion war Elfenbein das wichtigste Material, und so wirkte dieses Familiendetail neben den bereits gefundenen Angaben durchaus bemerkenswert.
Und dann tauchte wieder Wladimir auf.
Er wurde während eines Billardspiels getötet.
Der Familienerzählung nach war er selbst ein ausgezeichneter Spieler.
Und das Billard hörte allmählich auf, wie eine zufällige Einzelheit auszusehen.
So entstand die Hypothese:
Was, wenn Alexander aus Odessa und Julius aus Nowotscherkassk Brüder waren?
Alexander — österreichischer Untertan.
Julius — Sohn des Samuil.
Bei Alexander — die Initiale S.
Bei Julius — das Vatersnamen-Attribut Samoilow (nach alter Form Samuilowitsch).
Zeit, Herkunft, Handwerk und die technische Kultur der Familie stimmten überein.
Ich versuche, schönen Zufällen gegenüber vorsichtig zu bleiben. In der Genealogie verliebt man sich zu leicht in die eigene Version und beginnt, die Fakten daraufhin zurechtzubiegen. Doch die Hypothese wurde immer stärker.
Wenn Alexander und Julius tatsächlich Brüder waren, musste es irgendwo ihren Vater geben.
Einen Mann namens Samuil Vestner.
Kapitel VII
Samuil
Das Interessanteste begann, als ich anfing, nach Samuil zu suchen.
Ich sah mir einen Samuil nach dem anderen an.
Der erste — nicht er.
Der zweite — nicht er.
Beim dritten hielt ich inne.
Vor mir war Samuil Vestner aus Pest.
Er hatte mehrere Kinder.
Und unter den Söhnen:
Und:
Julius. 1856.
Ich sah einfach auf den Bildschirm.
Alexander.
Julius.
Genau jene zwei Namen, die völlig unabhängig voneinander bei mir schon in Odessa und Nowotscherkassk aufgetaucht waren.
Und nun „erschien“ der Vater.
Samuil.
Und die Stadt.
Pest.
Damals noch eine eigenständige Stadt des Österreichischen Kaiserreichs, die später zusammen mit Buda und Óbuda zu Budapest werden sollte.
Doch das Wichtigste war nicht einmal das.
In den Kirchenbüchern war Samuils Beruf angegeben.
Heute klingt dieses Wort beinahe märchenhaft, doch Mitte des 19. Jahrhunderts war es ein durchaus ernstzunehmendes städtisches Handwerk. Vergolder arbeiteten an Rahmen, Möbeln, Ladenschildern, dekorativen Elementen von Innenräumen, an Equipagen. Die Arbeit verlangte Genauigkeit, ein gutes Auge, eine sichere Hand und den Umgang mit teuren Materialien.
Ich begann, Samuil bereits als konkreten Handwerker zu suchen.
Und es tauchten Einträge auf.
Zuerst — Vergolder.
Später — ein Meister, der mit dem Kutschenbau zu tun hatte.
Und da begann sich alles viel folgerichtiger zu fügen.
Samuil in Pest — Vergolder.
Alexander in Odessa — Besitzer einer Dreh- und Metallwerkstatt und Hersteller von Billardtischen.
Julius in Nowotscherkassk — Schlosser-, Dreh- und Kutschenwerkstätten.
Das Handwerk zog sich gleichsam durch Generationen und Städte.
Und die Daten fügten sich an ihren Platz.
Alexander wurde 1839 geboren.
1869, mit dreißig Jahren, eröffnet er eine eigene Werkstatt in Odessa und heiratet.
Julius wurde 1856 geboren.
Und da erinnerte ich mich an das Sackleinen aus der Wand.
„Zum zehnten Jubiläum an Herrn J. Vestner …“
Daneben — der Poststempel von 1906.
1856.
1906.
Fünfzig Jahre.
Wenn diese beiden Funde tatsächlich zu einer Sendung gehören, ergibt sich eine sehr schöne und plausible Version: Das rätselhafte „zehnte Jubiläum“ könnte den fünfzigsten Geburtstag von Julius bezeichnet haben.
Vorerst eben nur eine Version.
Aber die Daten passen ideal zusammen.
Und dreißig Jahre nach Julius’ Geburt, im Jahr 1886, kommt in Nowotscherkassk Alexander Juljewitsch zur Welt.
Später — Wladimir Juljewitsch.
Eben jener Wladimir vom Porträt.
Eben jener Mensch, dessen goldene Uhr jetzt bei mir liegt.
Nun weiß ich sehr viel mehr über die Welt, aus der sie kamen.
Pest
Der Herkunftsort der Familie hatte also zum ersten Mal wirkliche Umrisse bekommen.
Nicht das abstrakte „Österreich“.
Pest.
Für mich hatte das einen ganz besonderen Sinn.
Ich war schon mehrere Male in Budapest gewesen. Ich ging mit meinen Kindern und Freunden durch das Zentrum und kam viele Male buchstäblich an Orten vorbei, die nun plötzlich Teil meiner Geschichte wurden.
Anhand der Kirchenbücher ließ sich die Gemeinde bestimmen, in der Samuils Kinder getauft wurden: die deutsche evangelische Gemeinde von Pest im Bereich des heutigen Deák-Platzes.
Ganz in der Nähe lagen die Viertel, in denen Samuil lebte und arbeitete.
Nun konnte ich den Namen meines Vorfahren nicht nur aussprechen.
Ich konnte mir ungefähr seinen Weg durch die Stadt vorstellen.
Für mich liegt darin noch ein völlig entbehrlicher, aber schöner Reim.
Ganz in der Nähe wird später die Budapester Oper entstehen.
Einige Generationen später wird ein Nachkomme dieser Familie mein Vater sein — Alexander Sladkowski, Sinfoniedirigent, der mehrfach in dieser Oper aufgetreten ist.
Solche Zufälle beweisen nichts.
Doch gerade sie schaffen das persönliche Gefühl von Geschichte.
Eine ähnliche Geographie wiederholt sich auch weiterhin.
Alexander Vestner wählt das Zentrum von Odessa — die Langeronowskaja-Straße.
Julius das Zentrum von Nowotscherkassk, die Moskauer Straße, ganz nah bei den wichtigsten Gebäuden der Donhauptstadt.
Und die Geschäftslogik der Familie wird recht verständlich.
Vergoldung.
Kutschen.
Anspruchsvolle Dreharbeiten.
Billardtische.
Das sind Waren und Dienstleistungen für ein wohlhabendes städtisches Publikum.
Allem Anschein nach verstanden die Vestners nicht nur zu arbeiten.
Sie wussten, wo ihr Kunde ist.
Kapitel VIII
Die Geschichte geht durch die Familie
Je länger ich mich mit der Ermittlung beschäftigte, desto weniger unglaublich erschien mir die ganze Geschichte.
Im Gegenteil.
Sie fügte sich immer besser in die Logik des 19. Jahrhunderts.
Eine deutschsprachige Familie qualifizierter Handwerker aus Pest. Heranwachsende Söhne. Ein gutes Handwerk. Verbindungen. Kapital.
Und daneben — der rasch wachsende Süden des Russischen Reiches.
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurden Odessa, Taganrog, Rostow, Mariupol und andere Städte des Südens zu einem gewaltigen Raum des Handels, der Industrie und des neuen Kapitals. Hier baute man Häfen, Eisenbahnen und Fabriken, eröffnete Werkstätten und Kontore. Hierher kamen ausländische Unternehmer, Ingenieure und qualifizierte Meister.
In meinem heimatlichen Mariupol entstand die Großindustrie ebenfalls unter unmittelbarer Beteiligung ausländischen Kapitals. In Taganrog waren ausländische Kaufmanns- und Unternehmerfamilien ein gewöhnlicher Teil des Stadtlebens. Von Odessa mit seiner vielsprachigen Handelskultur ganz zu schweigen.
Was in der Familienlegende wie eine exotische Übersiedlung „von Österreich nach Nowotscherkassk“ klang, sah daher in der Wirtschaftsgeographie des 19. Jahrhunderts fast wie eine natürliche Bewegung dem Markt hinterher aus.
Sollte sich meine Hypothese über die Söhne Samuils endgültig bestätigen, wäre das eine sehr verständliche Geschichte.
Der eine Sohn wählt Odessa.
Der andere die reiche Hauptstadt des Donkosakentums.
Beide kommen mit einem Handwerk dorthin, das sich an ein wohlhabendes Publikum gut verkaufen lässt.
Und gerade hier sieht man besonders gut, wie die große Geschichte sich im Schicksal einer einzigen Familie abdrückt.
Zuerst — das Wachstum der Städte, neue Märkte, Werkstätten, Kutschen, Billardtische und Vergoldung.
Dann — Kriege, Revolutionen, Emigration, Verbannung.
Die Geschichte hinterlässt an einer Familie verschiedene Spuren.
Manchmal — dreht sie sie mit dem Meißel ab.
Manchmal — überzieht sie sie mit Blattgold.
Manchmal — mit dem Stiefel.
Kapitel IX
Die Rückkehr
Das Schicksal meines Urgroßvaters Jewgeni Wladimirowitsch Vestner verlief trotz allem Erlebten wohl doch glücklich.
Sein Vater Wladimir kam ums Leben, als der Sohn noch ein Säugling war.
Doch Jewgeni wuchs auf, erhielt eine Ausbildung, absolvierte das Polytechnische Institut in Nowotscherkassk und wurde Ingenieur. Schon Anfang der 1930er Jahre arbeitete er am Luftfahrtwissenschaftlichen Institut in Taganrog.
1937 wurden Jewgeni und seine Familie als Familie eines Deutschen von Repressionen getroffen und in die Verbannung in den Altai geschickt.
So schrecklich es klingt: Vielleicht half gerade diese Verbannung der Familie auf paradoxe Weise, den Krieg zu überstehen.
Im Altai war es arm und hungrig.
Doch sie blieben am Leben.
Und zwei Tage vor dem Sieg wurde dort ein Mädchen geboren.
Anna Jewgenjewna Vestner.
Eben jene Großmutter Anja, mit der diese Erzählung beginnt.
Nach dem Krieg kehrte die Familie in den Süden zurück, nach Taganrog — die Heimatstadt von Jewgenis Frau, Dora Walentinowna.
Die Geschichte von Doras Familie ist eine eigene Ermittlung, die mir noch bevorsteht. Ihr Vater war noch vor der Sowjetzeit ein recht wohlhabender Mann und vermochte es, seine Töchter mit Häusern zu versorgen.
Eines davon wurde eben jenes Haus.
Das Haus mit dem Garten.
Mit Birnen und Pflaumen.
Mit Himbeeren und Wein.
Mit der Werkstatt im Hof.
Mit dem gotischen Büfett.
Mit der alten Uhr.
Mit den vorrevolutionären Büchern.
Mit dem Klavier.
Und mit Wladimirs Porträt darüber.
Es ergibt sich eine erstaunliche Sache.
In meiner Kindheit empfand ich dieses Haus als den Anfang der Geschichte.
Jetzt verstehe ich, dass es ihre Fortsetzung war.
Jewgeni Vestner lebte über achtzig Jahre.
Er arbeitete als Ingenieur, war mit dem Luftfahrtmilieu Taganrogs verbunden — einer Stadt mit gewaltiger Ingenieurgeschichte, aus der unter anderem die berühmte sowjetische Schule der Wasserflugzeuge hervorging.
Jewgeni und Dora hatten zwei Kinder — Anna und Arnold.
Arnold ging nach Moskau.
Anna bekam drei Söhne.
Den ältesten nannte man Alexander — meinen Vater.
Den mittleren Jewgeni, nach dem Großvater Shenja.
Den jüngsten Michail.
Und mir gefällt es zu beobachten, wie Namen durch die Generationen wandern.
Auch meine Kinder tragen die Familiennamen Alexander und Jekaterina — buchstäblich ebenso wie die Kinder des Großvaters Julius.
Doch Namen leben weiter, auch wenn der ursprüngliche Sinn längst vergessen ist.
Alle drei Söhne Anna Jewgenjewnas wuchsen zu sehr begabten Menschen heran. Doch in jedem von ihnen steckt etwas, das ich jetzt familiär nennen möchte: Selbständigkeit, Talent, Führungskraft, die Unmöglichkeit, ganz gewöhnlich zu sein.
Und hier entsteht noch ein seltsamer Reim.
Samuil Vestner war ein Meister.
Seine Söhne waren, wenn meine Rekonstruktion stimmt, Meister.
In Nowotscherkassk gab es die Werkstätten der Vestners.
Jewgeni Vestner machte ständig etwas mit den Händen in der Werkstatt im Hof.
Nach ihm arbeiteten dort sein Schwiegersohn und seine Söhne.
Niemand bewahrte absichtlich irgendeine „dynastische Tradition“.
Sie verschwand einfach aus irgendeinem Grund nicht.
Auch ihre Nachkommen sind Meister ihres Fachs.
Kapitel X
Wie es weitergeht
Meine Ermittlung dauerte etwas mehr als zwei Wochen.
Und sie ist keineswegs abgeschlossen.
Ich will die Eltern von Samuil Vestner finden und verstehen, woher er selbst nach Pest kam.
Ich will den Eintrag über seine Eheschließung finden.
Ich will die Verwandtschaft zwischen Julius aus Nowotscherkassk und Alexander aus Odessa endgültig beweisen oder widerlegen.
Ich will nach Nowotscherkassk fahren, das Haus in der Moskauer Straße 3 betreten und mit eigenen Augen die Räume sehen, in denen die Vestners lebten und arbeiteten.
Ich will das Schicksal von Jekaterina Juljewna verstehen.
Ich will nach Nachkommen des Odessaer Zweiges suchen.
Und es interessiert mich schrecklich, ob im heutigen Budapest noch Vestners geblieben sind.
Vielleicht wird sich ein Teil meiner Rekonstruktion als falsch erweisen.
Vielleicht wird eine schöne Brücke wieder abgerissen werden müssen.
Und das ist normal.
In dieser Ermittlung versuche ich beständig, drei Dinge zu trennen: das, was in der Familie erzählt wurde, das, was durch Dokumente belegt ist, und das, was vorerst meine Hypothese bleibt.
Gerade Letzteres scheint mir besonders wichtig.
Denn einen guten Familienmythos möchte man bestätigen.
Doch eine gute Ermittlung muss bereit sein, ihn zu widerlegen.
Ich habe bereits Kontakt zu Menschen aufgenommen, die seit vielen Jahren Angaben über die Vestners sammeln, und hoffe, dass die Dokumente meine Hypothese entweder bestätigen oder mich zwingen, eine andere aufzubauen.
Doch selbst wenn sich morgen herausstellt, dass Alexander aus Odessa und Julius aus Nowotscherkassk keine leiblichen Brüder waren, lässt sich das wichtigste Ergebnis dieser Forschung nicht mehr rückgängig machen.
Denn in diesen zwei Wochen geschah mit mir etwas weitaus Größeres als das Aufstellen eines Stammbaums.
Ich sah die Familiengeschichte zum ersten Mal nicht als Sammlung von Erzählungen älterer Verwandter, sondern als einen Raum, in dem man sich bewegen kann.
Hier ist Pest um die Mitte des 19. Jahrhunderts.
Hier ist Samuil Vestner, Vergolder.
Hier sind seine Kinder.
Hier ist Odessa.
Hier ist Nowotscherkassk.
Hier ist die Moskauer Straße.
Hier ist das Hotel „Bolschaja Moskowskaja“.
Hier spielt der junge Wladimir Billard.
Hier fällt der Schuss.
Hier ist sein kleiner Sohn Shenja.
Hier ist der Altai.
Hier ist das Mädchen Anja, geboren zwei Tage vor dem Sieg.
Hier ist Taganrog.
Hier ist das alte Haus.
Hier ist das Klavier.
Und darüber hängt das Porträt.
Und hier bin ich als kleiner Junge.
Und nun mein Sohn und die neue Generation unserer Nachkommen.
Das wohl unerwartetste Ergebnis der Ermittlung war für mich Budapest.
Ich war viele Male dort und habe diese Stadt aus irgendeinem Grund immer geliebt.
Dort verbrachte ich glückliche Tage meines erwachsenen Lebens. Dort arbeitete ich, ging spazieren, traf mich mit nahen Menschen. Dort traf ich meinen Vater.
Und nie wäre mir in den Sinn gekommen, dass anderthalb Jahrhunderte vor uns unsere Vorfahren durch diese Straßen gegangen sein könnten.
Jetzt habe ich einen neuen Punkt auf der Karte.
Keinen touristischen.
Einen eigenen.
Vielleicht erwies sich die Genealogie für mich deshalb unerwartet nicht als Wissenschaft von vergessenen Menschen.
Sie erwies sich als eine Weise, die eigenen Nächsten anders zu sehen.
Meinen Vater.
Meine Kinder.
Meine Onkel.
Mich selbst.
Und vor allem — Großmutter Anja.
Es tut mir sehr leid, dass ich jetzt nicht zu ihr in jenes alte Haus kommen, mich neben sie setzen und erzählen kann:
— Großmutter, ich habe unsere Vestners doch gefunden.
Ich habe Julius gefunden.
Ich glaube, ich habe seinen Bruder gefunden.
Und ich habe Samuil gefunden.
Ich habe erfahren, womit sie sich beschäftigten.
Ich habe ihre Werkstätten gefunden.
Ich habe das Haus gefunden.
Ich habe die Zeitungen gefunden, in denen steht, wie Wladimir ums Leben kam.
Und das Wichtigste — ich glaube, ich habe die Stadt gefunden, aus der sie kamen.
Es war das Österreichische Kaiserreich.
Pest.
Das heutige Budapest.
Ich glaube, ihr hätte das gefallen.
Und nun, da ich diese Familienchronik beende, stelle ich mich in den Hof des Hauses meiner Großmutter unter den Wein. In den Garten, wo Großvater Vestner für mich Birnen pflückte. Daneben mein heimatliches Asowsches Meer. Ein warmer Juliabend. Vor Augen die Zeilen Brodskys:
…Ich sitze in meinem Garten, die Lampe brennt.
Keine Freundin, keine Dienerschaft, keine Bekannten.
Statt der Schwachen und der Starken dieser Welt —
nur das einträchtige Summen der Insekten…
…Der Pontos rauscht hinter der schwarzen Hecke der Pinien.
Jemandes Schiff kämpft am Kap mit dem Wind.
Auf der rissigen Bank — der ältere Plinius.
Eine Drossel zwitschert im Haarschopf der Zypresse.
……….
Lesen Sie die „Briefe an einen römischen Freund“ noch einmal. Wahrhaftig: Die Geschichte der Imperien drückt sich manchmal ganzen Geschlechtern auf — mal mit Blattgold, mal mit dem Stiefel. Und eine Familie wächst durch die Wirrnisse der Geschichte wie eine Weinrebe durch altes Pflaster.
Stanislaw Sladkowski. Sankt Petersburg. 2026.




